Bericht zu den Fachvorträgen auf der BPS-Bundesversammlung

vom 30. 5. - 1. 6. 2008

von Josef Blaim, Leiter der SHG Risikopatienten

 

Vortrag von Prof. Reichle (Onkologe) zu seiner Studie mit hormonrefraktären

Prostatakrebserkrankten Männern:



Prof. Reichle betonte in seinem Vortag die andersartige Vorgehensweise seiner

„Krebsbekämpfung“ im Vergleich zu den heute üblichen Studiencharakteristikas. Normalerweise werden Studien geplant, um die Wirksamkeit eines neuen
Medikamentes unter Beweis zu stellen. Je erfolgreicher dieses neue Medikament Krebszellen abtöten kann, um so größer wird die Zulassungswahrscheinlichkeit des Präparates.
Prof. Reichle will mit seiner Studie kein neues Medikament in die Zulassung bringen. Er will nicht die Wirksamkeit einer einzelnen Substanz nachweisen. Er will „den Krebs nicht schlagen, nicht vernichten, er will es ihm nur
„schwer machen, zu wachsen“. Er will eine neue Strategie in der Behandlung des Prostatakarzinoms etablieren: möglichst nebenwirkungsarm, möglichst langes und breites Therapieansprechen. Er nimmt einen Cocktail von fünf Medikamenten, dosiert die einzelnen Substanzen moderat und achtet darauf, daß sich die Medikamente in ihren Nebenwirkungsprofilen nicht aufschaukeln und sich in ihren Wirkungen auf den Prostatakrebs synergistisch ergänzen.
Dazu zählen Medikamente, die
a) antiinflammatorisch (Etorixib, ein COX-2-Hemmer, Cortison, Pioglitazon) und
b) antiangiostatisch (Glivec, Etorixib, Treosulfan)
wirksam sind.
Jede Art von Krebs braucht bestimmte Wachstumsvoraussetzungen, damit er „gedeihen“ kann. Krebszellen schaffen sich diese Bedingungen oft selbst, in dem sie molekulare Stoffe in die Umgebung abgeben, mit deren Hilfe die
Immunabwehr geschwächt, die Angiogenese beschleunigt, benachbartes Gewebe entzündlich „gelockert“ wird. Leider stehen wir erst am Anfang, diese Krebsstrategien zu verstehen. In einigen Jahren (?) werden wir nicht nur durch das bessere Verständnis der molekularen Zusammenhänge Krebs heilen können, sondern wir werden dann auch von den Krebszellen gelernt haben, die Immunabwehr so punktuell zu beeinflussen, daß z.B. bei einer Organtransplantation nur noch jene Arme der Immunabwehr blockiert werden müssen, die für die Abstoßung des Spenderorgans verantwortlich
sind, aber eine heute leider noch folgenreiche systemische Immunsuppresion vermieden werden kann.
Oberflächliche Kritiker der „Reichle-Studie“ bemängeln die Vielzahl der eingesetzten Medikamente. Womöglich wisse man am Ende gar nicht mehr, welches Medikament in dem Cocktail für die Wirksamkeit essentiell ist und welches man am Ende mit gutem Gewissen hätte weglassen können. Entscheidend für uns Betroffene ist nicht dieser akademische Streit, sondern was am Ende „hinten rauskommt“.
Mit der „Reichle-Studie“ handeln sich die Betroffenen weniger
Nebenwirkungen ein als mit einer Taxotere-Chemo, ebenso scheint die Ansprechwahrscheinlichkeit wie die Ansprechdauer wesentlich größer zu sein.
Prof. Reichle ist momentan in Deutschland der einzige, der eine eigene, innovative und damit natürlich auch experimentelle Therapiestudie für das hormonrefraktärem Prostatakarzinom verwirklicht hat. Dafür gebührt ihm unsere
Anerkennung und unser Respekt.
Natürlich laufen gegenwärtig einige Prostatakrebsstudien in Deutschland. Aber keine ist der Forschungsanstrengung einer universitären professoralen Urologie entsprungen, sondern alle sonstigen laufenden Studien werden von der
Pharmaindustrie finanziert, um der Zulassung für ein eigenes Präparat näher zu kommen.
Bezeichnenderweise ist Prof. Reichle kein Urologe, sondern Onkologe. Wo bleiben all die vielen Urologieprofessoren in Deutschland mit ihren Forschungsaufträgen hinsichtlich des fortgeschrittenen Prostatakarzinoms?

Studiendesign:
. geplante Patientenzahl : 70
. Start der Rekrutierung: März 2007
. Ende der Rekrutierung: 31.10.2008
. Therapieschema
Das Therapieschema ist komplett oral und beinhaltet metronome niedrig dosierte Chemotherapie mit
Treosulfan (Ovastat ®) plus Imatinib (Glivec ®) als gefäßbildungshemmende Therapie, kombiniert mit
anti-entzündlicher Therapie Pioglitazon (Actos ® ) plus Dexamethason (Fortecortin ®),- Dosis unter der
Cushing-Schwelle- plus Etoricoxib (Arcoxia ®)
. Therapiedauer
Tgl. Einnahme von 5 Medikamenten für 6 Monate (Hauptstudie); die Behandlung kann in einer
Fortsetzungstudie weitergeführt werden, sofern der Patient in den ersten 6 Monaten auf die Therapie
angesprochen hat.

Hintergrund der Studie
In einer Vorstudie konnte Prof. Reichle, Universitätsklinikum Regensburg, nachweisen, dass durch
Kombination metronomischer Chemotherapie Treosulfane, Ovastat; Cox-2 Inibitor Etoricoxib,
Arcoxia; PPAR-gamma-Agonist Pioglitazone, Actos; Dexamethason, Fortecortin und dem
Rezeptor-
Tyrosin-Kinase-Inhibitor Imatinb, Glivec, für vorbehandelte, symptomatische Patienten eine
Verbesserung erreicht werden konnte. 33% der Patienten hatten einen PSA-Abfall von gleich oder
mehr als 80%, 11% der Patienten hatten eine PSA-Senkung von 80% oder weniger, 38%der
Patienten
hatten einen PSA-Abfall von weniger als 50% und 17% der Patienten hatten einen Progress der
Erkrankung während der Studie.
Einschlusskriterien:
° Histologisch bestätigtes Prostatakarzinom, dessen Fortschreiten nach primärer Hormontherapie
nachweisbar
ist. Patienten mit ansteigenden PSA-Werten (innerhalb von 3 Moanten vor Einschluss), belegt durch
mindestens 2 aufeinander folgende ansteigende PSA-Werte.
Der erste Messwert muss höher sein als der Referenzwert und muss mindestens eine Woche zeitlichen
Abstand zum Referenzwert haben. Der zweite, bestätigende Messwert muss höher sein als der erste
Messwert
und muss mindestens eine Woche zeitlichen Abstand zum ersten Messwert haben. Falls jedoch der zweite
Messwert nicht höher ist als der erste Messwert, muss nach einem zeitlichen Abstand von mindestens einer
Woche ein dritter, bestätigender Messwert ermittelt werden. Der Patient ist geeignet, wenn der dritte
Messwert höher ist als der erste Messwert. Der Anstieg zwischen den aufeinandernfolgenden PSA-Werten
muss mindestens 5% betragen.
° PSA-Werte müssen vor Einschluss (zweite oder dritte Bestätigungsmessung) über 5 ng/ml liegen.
° Alter: > 18 Jahre
° Serum Testosteron-Spiegel im Bereich der Kastrationswerte (< 50ng/dl oder 1,73 nmol/l)
° Ausreichende Knochenmarkfunktion: Neutrophile >2000 μl; Hemoglobin >10 g/dl; Thrombozyten
>100000 /μl
° ECOG = 0,1 oder 2; erforderliche Laborwerte:
a) Leberfunktion: Gesamtbilirubin, SGPT und SGOT (Serum) jeweils > 2,5-fache des oberen Grenzwertes
des
lokalen Labors
b) Nierenfunktion: Kreatinin < 1,3 mg/dl
° Normale Herzfunktion
° Lebenserwartung von > 6 Monaten
Ausschlusskriterien:
° Änderung der Hormontherapie innerhalb von 6 Wochen vor Studieneinschluss
° Vorangegangene Chemotherapie-Behandlung mit Imatinibmesylat oder anderen Tyrosinkinase-Inhibitoren
Reichle-Studie Klinikums der Universität Regensburg.doc Seite 3 von 6
° Vorhandensein anderer maligner Erkrankungen innerhalb von 5 Jahren vor Studienbeginn
° Patienten, die eine Behandlung mit Warfarin (Coumadin) benötigten
° Bekannte Diagnose einer HIV-, Hepatitis B-, oder Hepatitis C-Infektion
°Schwere, instabile oder unkontrollierte Krankheiten , welche die im Prüfplan geforderten Diagnosen oder
Beurteilungen
beeinträchtigen könnten. Eingeschlossen sind Herzinsuffizienz (NYHA I bis IV), unkontrollierter Diabetes,
chronische
Leber – oder Nierenerkrankungen, aktive unkontrollierte Infektionen und chronische entzündliche
Darmerkrankungen, Autoimmunerkrankung und Angina pectoris
° Operative Eingriffe während der letzten 4 Wochen vor Studieneinschluss
° Vorhergehende Isotopentherapie mit Strontium oder Rhenium
° Bestrahlungstherapie mit mehr als 25% des Knochenmarks innerhalb der letzten 4 Wochen vor
Studieneinschluss
° Kontrollierte Hirn-Metastasen
° Regelmäßige Bluttransfusionen
° Behandlung mit anderer Tumormedikation außer LHRH-Agonisten
° Einnahme anderer experimenteller (nicht zugelassener) Medikamente innerhalb der letzten 30 Tage vor
Studieneinschluss
° Teinahme in einer anderen klinischen Studie innerhalb von 30 Tagen vor Studieneinschluss
Studienziele:
sind die Erforschung der Wirkung der Kombination angiostatischer und antiinflammatorischer
Medikamente zusammen mit dem metronomischen Einsatz der Chemotherapie, gemessen am
PSAWert,
dem progressionsfreien Überleben, dem Gesamtüberleben, der Lebensqualität und der
Verträglichkeit als auch Sicherheit der Kombinationstherapie.
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Studie des Klinikums der Universität Regensburg
Studiensynopse
CSTI 571BDE59
Darstellung einer Studie, die seit März 2007 bei Prof. Dr. A. Reichle, Uniklinikum
Regensburg, durchgeführt wird:

S t u d i e n t i t e l:

Multizentrische, offene, Phase II Studie mit Glivec in Kombination mit Pioglitazon, Etoricoxib,
Dexamethason und niedrig dosiertem Treosulfan für die antiinflammatorische und angiostatische
Behandlung von Patienten mit hormonrefraktärem PCa.
Allgemeine Informationen:
- Offene Phase II Studie, multizentrisch an bislang folgenden Zentren in Deutschland:
Regensburg
Prof. Dr. med. Reichle, Klinikum der Universität Regensburg, Abteilung Hämatologie/Onkologie;Franz-
Josef-Strauß-Allee 11, 93053 Regensburg; Tel +49(941)9445541 or 5540; Fax: +49(941) 9445537;e-mail:
albrecht.reichle@klinik.uni-regensburg.de
Dr. med.Vogelhuber, Klinikum der Universität Regensburg, Abteilung Hämatologie/Onkologie; Franz-Josef-
Strauß-Str. 11, 93053 Regensburg
Dr. Berand, Klinikum der Universität Regensburg, Abteilung Hämatologie/Onkologie, Franz-Josef-Strauß-
Str.11, 93053 Regensburg; Tel. +49(941)9445535; Fax +49(941)9445537; e-Mail:
anna.berand@klinik.uniregensburg.de
Tübingen
Prof. Dr .med.Stenzl, Universität Tübingen, Klinik für Urologie; Hoppe-Seyler-Str.3, 72076 Tübingen; Tel
+49(7071) 29 866 70
Dr.med. Feyerabend, Universität Tübingen, Klinik für Urologie, Hoppe-Seyler-Str. 3, 72076 Tübingen; Tel
+49(7071) 2086565; Fax +49(7071)295880 bzw. 294396; e-mail: susan.feyerabend@med.uni-tuebingen.de
München-Planegg
Dr. med. Oberneder, Urologische Klinik Planegg, Germeringer Str. 32, 82152 Planegg; Tel +49 (89) 856930;
Fax +49 (89) 85693-134; e-mail: info@upmk.de
Dr. med. Rohrmann, Urologische Klinik Planegg, Germeringer Str. 32, 82152 Planegg
Markkleeberg
Dr. med. Schulze, MVZ Dr. med. Matthias Schulze, Hauptst. 10, 04416 Markkleeberg, Tel. +49(341)
3542756;
Fax +49 (341)3542756; e-mail: info@praxis-schulze.de
Passau
PD Dr. med. Südhoff, Klinikum Passau, II. Medizinische Klinik, Innstr. 76, 94032 Passau, Tel. +49 (851)
53002356; Fax +49 (851) 53002954; e-mail: thomas.suedhoff@klinikum-passau.de
Hamburg
Dr. med. Bakhshandeh-Bath, Hämatologische Praxis Othmarschen, Waitzstraße 22, 22607 Hamburg, Tel +49
(40) 88156637; Fax +49 (40) 88156653; e-mail: onkologie@uro-onkologie-hamburg.de
Prof. Dr. med. Heinzer, Universitäts-Krankenhaus Eppendorf, Martini Klinik, 20246 Hamburg, Tel. +49(40)
42803-4297; e-mail: heinzer@uke.uni-hamburg.de
Klimm, Barbara, Universitäts-Krankenhaus Eppendorf, Martini Klinik, Martinistr. 52, 20246 Hamburg, Tel
+49(40) 428031014; Fax +49 (40) 428031014; e-mail: b.klimm@uke.uni-hamburg.de
Kassel
Dr. med Hübner, Habichtswaldklinik Klassel, Onkologische Abteilung, Wigandstr. 1, 34131 Kassel, Tel. +49
(561) 3108552; e-mail: huebner@habichtswaldklinik.de
Bad Reichenhall
Dr. med Eichhorn, Praxis für Urologie, Bahnhofstr. 12, 83435 Bad Reichenhall, Tel. +49 (8651) 4771; Fax
+49(8651) 8575; e-mail: info@drfrankeichhornd.de